Für unsere Mütter und Väter
Ich liebe alte Filme – solche, die vom Leben erzählen, von vergangenen Zeiten. Sie machen Geschichte greifbar, lebendig. Man darf die Zeit miterleben, mit dem Vorteil, dass man sie nicht durchleiden muss.
Man bleibt in sicherer Entfernung.
Im TV läuft nebenher Tadellöser & Wolff. Walter Kempowskis Erinnerungen, 1975 von Eberhard Fechner verfilmt. Meine Frau wendet sich ab: Immer dieses alte Zeug! Man könne doch auch mal was ‚Frisches‘ anschauen. Bitte sehr, von mir aus gerne!
Obwohl … nein, eigentlich nicht. Ich liebe Erzählungen, die in der Vergangenheit spielen. »Jauche und Levkojen«, »Jokehnen«, »Nirgendwo ist Poenichen«. So in der Art. Heute nun also »Tadellöser & Wolff«.
Vielleicht liegt es daran, dass ich Filme mit guten Dialogen schätze. Oder originellen. Herrlich, solch Sprüche wie »Gut dem Dinge« oder »Ansage mir, frisch«. Wer redet heute noch so, Alda? Einer wurde in meiner Familie zu einem Running Gag: Vater Kempowski hatte Gas abbekommen, vierzehn-achtzehn, vor Ypern. Mehrmals täglich befragte er die Familie zum Zustand seines Teints. Morgens kam es deshalb vor, dass mein Vater nach dem Rasieren sein Kinn vorstreckte und fragte: »Was macht meine Haut?« – »Priemig, priemig!«, lautete die korrekte Antwort.
Wenn manche Menschen (allen voran meine Familie) es auch bestreiten werden – ich höre gerne zu. Ich liebe Geschichten, die ganz nebenbei Geschichte aufleben lassen. Das erinnert mich an Zeiten, als ich noch jung war. Schon als Kind bat ich die Großeltern, aus ihrem Leben zu erzählen. Und so berichteten sie von ihrer Jugendzeit, vom Krieg, vom Wiederaufbau: meine Oma Frieda, mein Opa (Paul Georg Neumann), meine Mutter Elli Irmgard. Und insbesondere mein Vater, Gerhard. Genau genommen hieß er Hans Gerhard. Aber benutzt hat er seinen ersten Vornamen nie.
Ich war schon immer ein Vaterkind. Mein Bruder Norbert war Mamas Liebling, ich war der Papa-Sohn. Mein Vater erzählte völlig unbefangen von der Kriegszeit, offen, ohne Schuldgefühl. Er war Deutscher, also wurde er irgendwann Soldat – right or wrong, my country. »Das war damals so«, meinte er. Man wurde nicht lange gefragt. Außerdem: das einst große Deutschland war nach dem ersten Krieg bettelarm. Besonders im Osten. Dort war man zudem noch abgetrennt von Rest-Deutschland.
»Und dann kommt da einer, der wieder Hoffnung macht, dass alles wieder besser werden wird.«
Ich solle mir vorstellen, mir würde dauernd vorgebetet, feindlich gesinnte Menschen seien schuld daran gewesen, dass Deutschland den Krieg (WW-I) verloren hätte und arm wurde! In der Schule würde einem ständig gesagt, der Führer sorge nun dafür, dass alles wieder gut würde, dass Deutschland in der Welt wieder angesehen sein würde. Propaganda wirke auf einfache Menschen wie der stete Tropfen, der den Stein höhle. Irgendwann gäbe selbst Granit nach – und junge Menschen wären eher wie Kalkstein. Leicht formbar, verformbar!
So fragte und fragte ich. Irgendwann erzählen dein Vater und deine Mutter davon, wie sie dem Tod oft nur knapp entkommen sind. Meine Mutter bekam irgendwann Diphterie. Mitten im Krieg. Wesel wurde schwer bombardiert. Als wäre die Krankheit nicht schon tödlich genug gewesen.
In der Nacht fielen die Bomben. Das Krankenhaus hatte zwar das rote Kreuz auf dem Dach. Das Kriegsrecht schützt solche Einrichtungen, aber konnte man darauf vertrauen? So zielgenau waren Bombenwürfe damals dann doch nicht. Meine Mutter war bettlägerig, mit Hilfe anderer Kranker konnte sie aber in den Keller gelangen. Schwerstkranke waren nicht transportfähig. Die mussten zurückgelassen werden. Meine Mutter hatte Glück. Sie überlebte Diphterie und Bombenhagel. Bei Kriegsende war Wesel zu 97 % zerbombt.
Irgendwann wurden meine Oma und meine Mutter nach Pattensen bei Hannover evakuiert. Meine Mutter schloss schnell Freundschaft mit einem gleichaltrigen Mädchen im Nachbarhaus. Aber der Krieg holte sie auch dort ein – Hannover geriet unter heftiges Bombardement. Die Mädchen suchten gegenseitigen Trost und verbrachten manch Bombentage und -nächte gemeinsam im nahen Keller der Freundin. An einem Tag bestand meine Oma darauf, dass ihre Tochter bei ihr bliebe. Alles Bitten und Betteln half nichts, meine Mutter musste im eigenen Luftschutzraum ausharren.
Es folgte ein schwerer Bombenangriff. Der Boden erzitterte unter den schweren Explosionen. Von der Decke fielen Putz und Trümmer und bedeckten die verängstigten Menschen mit Staub und Schmutz. Gefangen wie Tiere harrten Tochter und Mutter aus. Irgendwann endete die Hölle und man wagte sich hinaus. Das Nachbarhaus hatte einen Volltreffer erhalten. Im Keller der Freundin hatte niemand überlebt …
Mein Vater war Flieger, ausgebildet als Jagdbomber-Pilot einer Ju-88. Als er mit der Ausbildung fertig war, konnte man nicht mehr fliegen. Der Feind hatte die absolute Luftüberlegenheit und bombte mit schöner Regelmäßigkeit die Rollbahn kaputt. Die Maschinen selbst standen nicht in den Hangars, sondern getarnt an den Rändern des Flugfelds.
Flugzeuge hatte man also noch, Flugbenzin auch – nur eben keine Start- und Landebahnen. Hatte man die Bombentrichter endlich wieder aufgefüllt, kamen bereits die nächsten Bomber zu Besuch.
Eines Tages kamen die Feindflieger so schnell, dass es keine Vorwarnzeit gab. Mein Vater lief gerade um die Ecke eines Hangars, als wenige Meter entfernt eine Bombe aufschlug und detonierte. Die Wand des Hangars rettete ihm das Leben.
Kurze Zeit darauf wurde die Einheit aufgelöst. Aus Piloten wurden Bodensoldaten. Ein Offizier stellte sich vor die angetretene Truppe: »Soldaten – stillgestanden!«
Die ostpreußische Heimat sei in Gefahr und der Führer erwarte, dass die Soldaten diese mutig verteidigen! Innerhalb einer Stunde war die Kaserne leer. Mein Vater war just zu dieser Zeit zu einem Dienstgang abkommandiert. Als er zurückkehrte, fand er niemanden mehr vor. Von seinen Kameraden sah er keinen wieder.
Mein Vater wurde zur Westfront abkommandiert, nach Belgien. Dort war er Truppführer eines letzten Aufgebots, aufgefüllt mit blutjungen Menschen. Einem Jüngling trug er die Ausrüstung, inklusive mehrerer Panzerfäuste. Man verschanzte sich in einem Straßengraben, im Rücken ein Weizenfeld. Dann kamen die Panzer. Kanadier. Man sehe die Leuchtspurgeschosse auf sich zukommen. Angst habe man nicht, versichert mein Vater, nur gespannte Neugier. Die Nerven seien aufs Äußerste sensibilisiert.
Bloß in Deckung bleiben, unsichtbar. Der Lärm der Panzer wird immer lauter. Der Boden, die Luft vibrieren. Unglaublich, dass man keine Angst verspürt. Nur Vernunft. Irgendwann siege die Pflicht über die Vernunft. Oder die Scham. Verdammt, du bist zum kämpfen hier, du musst dein Land verteidigen! Man hebt den Kopf und da steht er: graugrün und riesig – unbesiegbar!
Du nimmst die Panzerfaust und zielst. Eigentlich erübrigt sich das Zielen, das Riesenteil steht knapp drei Meter vor dir. Es musste vor der Panzersperre halten. Du drückst ab und das Rohr faucht kurz auf. Es knallt. Du gehst in Deckung. Sekunden später eine große Detonation, Stacheldraht und anderes Zeug fliegen dir um die Ohren. Überall Flammen und Rauch!
Du hast deinen Job erledigt, jetzt schnell weg! Du springst aus dem Graben und rennst vorbei am Maisfeld, dann nach links. Wohin bloß? Da hörst ein Geräusch. Von der anderen Seite kommt ein Soldat. Er hebt die Waffe und du hörst ein Tack-Tack. Gleichzeitig spürst du einen Schlag an der Wade. Ganz kurz nur, tut gar nicht weh. Du lässt dich fallen und spielst ‚Toter Mann‘.
Jetzt bloß nicht atmen, und wenn, dann nur ganz flach. Lieber Gott, lass den anderen bitte nicht nochmal draufhalten. Ich tät’s ja. Gott nochmal, denk doch jetzt nicht so was! Du bringst den anderen nur auf dumme Gedanken.
Glück gehabt, der andere spart sich die Munition. Hat offenbar noch viel vor damit. Guter Mann! Er riskiert ein Blinzeln und sieht, dass der Soldat in die andere Richtung abdreht. Puh. Soll man liegenbleiben? Zum ersten Mal spürt er den Schmerz. Sch***, dass brennt! Etwas Warmes sickert ins Hosenbein. Mist, denkt er, die Hose ist nagelneu. Zum ersten Mal in diesen Scheißkrieg hatte er neue Sachen bekommen. Ganz zum Schluss hatte man offensichtlich alle zurückgehaltenen Reserven freigegeben.
Ein weiteres Geräusch alarmiert seine Sinne. Schritte kommen auf ihn zu. Jetzt kommt die Angst. Nicht atmen, du bist tot! Kräftige Hände drehen ihn um. Man untersucht sein Bein. Er erkennt weiße Armbinden mit roten Kreuzen. Denen kannst du nicht ernsthaft vorspielen, tot zu sein – das ist doch peinlich! Er stöhnt auf, so als würde er gerade wach.
Die Kameraden von der anderen Feldpostnummer wirken harmlos, fast besorgt. Das Gefühl der Sicherheit verschwindet in dem Moment, als der eine ein Messer zückt. Jetzt geben sie dir den Rest. Mit ‘nem Messer! Klar, spart Munition. Der Sani setzt die Klinge am Hosenbein an. Ihm dämmert, dass sein letztes Stündlein noch nicht eingeläutet ist. Er will nur die Hose aufschneiden. He, die ist neu. Er hatte sie gerade mal eine Woche. Gut, die hat jetzt ein Loch, – genaugenommen sind es zwei, es war ein glatter Durchschuss – aber muss man deswegen das gute Teil komplett ruinieren? Mein Vater deutet an, dass er das Hosenbein aufkrempeln will und so geschieht es. Vaters Krieg ist vorbei, Leben und Hose gerettet!
Später, am Verbandsplatz gibt es sogar was zu essen und zu trinken. Unvermittelt setzt ein Bedürfnis ein. Man(n) muss mal. Groß. Aufregung schlägt immer so auf den Darm. Es gibt nur provisorische Latrinenlöcher. Mit einem kaputten Bein sind Kniebeugen nicht zu machen. Ein anderer Verwundeter bietet seine Hilfe an. Ein Kanadier. Das Gesicht ist komplett bandagiert. Ob das einer aus dem Panzer ist? Der Panzer, den mein Vater hochgejagt hatte? Der Kanadier reicht meinem Vater seine Hände. Er hält ihn fest und sicher. Der Deutsche geht in die Knie. Vor wenigen Minuten hätte man sich noch gegenseitig getötet …
Man darf wohl mit Fug und Recht sagen, mein Vater hatte in seinem Leben außerordentliches Glück. Besonders im Krieg. Beispielsweise bei einem seiner ersten Alleinflüge: er hatte gerade einen Flug mit seinem Fluglehrer beendet. Der Ausbilder beauftragte ihn, nach dem Mittagessen einen Alleinflug zu unternehmen. »Ich bin verhindert. Denken Sie daran, vorher meinen Fallschirm aus meinem Sitz zu nehmen!«, bläute er ihm noch ein.
Nach dem Mittagessen flog mein Vater los. Souverän hob er ab und gewann gleichmäßig Höhe. Dann eine ‚Fassrolle‘. Dabei dreht man Flugzeug in einer rotierenden Bewegung um seine Längsachse. Es machte »Plopp« – ein Gegenstand fiel aus dem vorderen Sitz. Der Fallschirm. Scheibe – den hatte er völlig vergessen. Schnell wurde das Paket klein und kleiner. Sofort drückte mein Vater nach und ging in einen kontrollierten Sturzflug. Das Teil jetzt bloß nicht aus den Augen verlieren! Vom Flugplatz aus sahen die anderen Ausbilder einen vermeintlichen Absturz in der berüchtigten Todesspirale. Jeder erwartete schon den üblichen Rauchpilz nach einem Aufprall.
Dann stieg die Maschine wieder hoch und setzte zur Landung an. Was denn los gewesen sei. Das sei zu viel Spaß gewesen für einen Anfänger. Kleinlaut gestand mein Vater seinen Lapsus. »Na, dann melden Sie sich mal beim Alten!« – Der ‚Alte‘ war ein scharfer Hund, der hätte meinen Vater sofort vom Lehrgang abgelöst. Was gleichbedeutend gewesen wäre mit einer Strafversetzung an die Front – Ostfront!
Der Alte war nicht da, Kurzurlaub oder so was. Sein Vertreter war das genaue Gegenteil. In dessen Ausbildung war ihm etwas Ähnliches passiert, so die Legende. »Sie schnappen sich jetzt Ihre Gruppe, einen Kübel und einen LKW und dann machen Sie sich auf die Suche!«
Ein mehr als dankbarer Flieger Gottaut meldete sich ab und machte sich auf die Suche. Im ersten Ort bestimmte der Truppführer, dass man sich in der Ortsschenke erst einmal druckbetanken müsse. Gegen alle erbitterten Proteste meines Vaters wurde sein Vorschlag angenommen. Während die anderen sich am Gerstensaft labten – es war wohl ein heißer Sommertag –, befragte mein verzweifelter Vater die Wirtin, ob in der Nähe vielleicht ein Fallschirm niedergegangen sei? Nicht so ein aufgeblähter, unter dem ein Mensch hing – nein, eher so was wie ein Paket.
Ich weiß, es klingt unglaublich, aber die gute Frau antwortete: »Ja, bei meinem Nachbarn ist vorhin so ein Paket runtergefallen. Direkt in seinen Garten!«
Man kann sich kaum vorstellen, wie ungläubig und erleichtert mein Vater gewesen sein musste. Sofort ging er rüber zum Nachbarn. Der war nicht wenig enttäuscht, denn »ich habe das für ein Geschenk des Himmels gehalten! Meine Tochter heiratet nämlich demnächst.« – Fallschirmseide rettet nicht nur Leben, sie eignet sich auch wunderbar für Hochzeitskleider. Daraus wurde jetzt nix. Gefeiert wurde trotzdem – schließlich musste sich mein Vater für seine Rettung bei seinen Kameraden erkenntlich zeigen.
Ich denke, trotz all seiner Sparsamkeit hatte er damals gerne einen ausgegeben. Schließlich hatte dieser wiedergefundene Fallschirm (und der Zufall) meinem Vater das Leben gerettet. Mein alter Herr war sich da sicher. Ich auch. Von der Ostfront kamen weniger zurück als dorthin gingen. Die letzten kamen 1956. Ein Jahr später wurde ich geboren. Ohne all diese Fügungen hätten sich meine Eltern nicht kennengelernt und mich gäbe es nicht. Die Linie nach mir auch nicht …
Also Paps, wo immer du jetzt sein magst, du hattest ein langes Leben. 97 Jahre wurdest du. Du hattest ‚Hein mit der Sense‘, dem alten Schnitter, manche Nase gedreht. Selbst mit neunzig, als du kopfüber die steinerne Kellertreppe ins Gewölbe des ‚En Ville‘ hinuntergestürzt bist, hattest Glück im Unglück! Jeder andere hätte sich das Genick gebrochen. Du wachtest auf, blutüberströmt, schwer verletzt – und deine einzige Sorge galt deinem Pullover: »Nicht aufschneiden!«, waren deine ersten Worte an die Retter.
Manche Dinge ändern sich nie.
Man kann darüber schmunzeln.
Man kann es aber auch Beständigkeit nennen.
Etwas, das Sicherheit gibt. Geborgenheit.
Etwas, auf das man sich verlassen kann.
Denn wie man sieht, ist vieles im Leben unsicher und dem Zufall überlassen.
Und wie tröstlich ist es, wenn Dinge trotzdem ein glückliches Ende finden.
Vielleicht sollten wir gerade dort dankbar sein,
wo wir sonst nur fordern.
