Eis oder Bus?

»Schwer wog das Wort …«

„Vaddr, war Schule bei euch auch so ätzend?“ –

Soeben hatte sich Tochter bleischwer in den Beifahrersitz fallen lassen.

„Auf alle Fälle hatten wir keine Chauffeure – wie ihr!“, nahm ich ihr gleich den Wind aus den Segeln.

Und dann kam die übliche Litanei der Altvorderen gegenüber der verweichlichten Jugend: Sie wüsste ja gar nicht, wie gut sie es habe.

Bei uns warteten keine Helikopter-Eltern vor der Schule, die ihren lauffaulen Sprösslingen auch noch den letzten Rest körperlicher Betätigung abnahmen – wo heutzutage sowieso ständig Sportstunden ausfielen.

Wir hatten einen ausgeprägten Bewegungsdrang und brauchten kein „Dschim“-Studio zum Fitbleiben! Im Gym unserer Zeit gab es Doppelstunden „Leibesertüchtigung“. Und die fielen NIE aus, egal wie feucht, heiß oder kalt das Klima war! Und weil kein Handy, keine Äpp unseren Bewegungsdrang hemmte, kickten wir nach dem Unterricht noch mit Tennisbällen auf dem Schulhof: zwei Mannschaften gewählt (Piss – Pott …), Schultaschen als Tore und los ging’s.

Ich hatte ja Zeit, bis mein Zug nach Wesel fuhr. Oft nahm ich den übernächsten, weil man gerade so schön am Gewinnen war.

»Morgens um sieben ist die Welt … schon zu spät dran«

Wir wohnten in Wesel, in der Feldmark. Von dort aus morgens mit meinem Vater, dem Rad (nein, kein E-Bike, ein 3-Gang Sachs-Torpedo) oder dem Bus zum Bahnhof – meistens noch mit dem Frühstücksbrötchen in der Hand. Schulbeginn war um acht, Wecken zwanzig vor sieben – für Schwaben: fünf vor dreiviertel sieben.

„Ich möchte einmal erleben, dass du morgens pünktlich aufstehst“, pflegte mein alter Herr zu sagen. Er kam garantiert dreimal ins Zimmer, um mich aus dem Bett zu scheuchen.

„Das nächste Mal komme ich mit dem nassen Lappen!“ war seine ultimative Drohung.

Und: „Von mir aus kommst du zu spät in die Schule!“

Irgendwann verpasste ich tatsächlich den Zug. Mein Vater, der ach so Strenge, hatte in weiser Voraussicht gewartet. „Ackermann, wat nu?“, knuffte er mich auf dem Bahnsteig unerwartet in die Seite. Und brachte er mich mit dem Auto in die Schule. Tja, so sind Väter …

Wenn ich pünktlich, sprich keuchend den Zug erwischt hatte, ging’s nicht selten darum, auf die Kollegen zu warten, die eine Station später zustiegen: „Wer hat Mathe?“

In den knapp 10 Minuten, die der Zug bis Dinslaken brauchte, hieß es die Vorlage sauber „abzupinnen“. Keine leichte Aufgabe – die Federungen der Waggons waren nicht so dolle.

Stieg der Vorlagengeber erst in Voerde zu, schrumpfte das Zeitfenster auf unter zehn Minuten. Heute noch arbeite ich unter Druck am besten – vermutlich stammt diese Fähigkeit aus jener Zeit.

»I’m walking – yes indeed«

Kam man in Dinslaken an, ging es per pedes apostolorum zum Otto-Hahn-Gymnasium, kurz OHG. Mittippelnde Schülerinnen bogen nach 300 Metern ab zur Mädchen-Penne, dem damaligen Ernst-Barlach-Gymnasium.

Ich beneidete sie. Für mich ging es gefühlte fünf Kilometer weiter – okay, es war nur ein Kilometer, aber Elfjährige haben kurze Beine. Obendrein hatte ich die schwere Schultasche am langen Arm. Nach einem Jahr bemerkte ich im Spiegel eine hängende rechte Schulter. Von da an machte ich Ausgleichstraining.

Ich musste also nach Dinslaken ins Gymi, obwohl ich in Wesel wohnte. Wir waren von Westfalen zugezogen. Mein Vater war dorthin zur Standortverwaltung versetzt worden.

„Ein eigenes Haus!“, freute sich meine Mutter. Ich war weniger amused. Alle meine Freunde – weg, von einem Tag auf den anderen.

Es erwies sich als Problem, eine geeignete Schule zu finden. Auf dem neusprachlichen Gymnasium Remigianum in Borken war ich Quartaner. Für alle, denen die Klassenbezeichnungen nicht geläufig sind, hier die damalige Hierarchie einer „Penne“: Sexta, Quinta, Quarta, Unter- und Obertertia, Unter- und Obersekunda, Unter- und Oberprima (Abi-Klasse).

Ich war also in der dritten Klasse des Gymnasiums. Englisch war die erste Fremdsprache, Latein war gerade hinzugekommen.

Zu meinem Pech bot Wesel keine passende Schule. Alle hatten andere Lehrinhalte und mal so eben den Stoff von Jahren nachholen – vergiss es!

In Dinslaken wurden wir endlich fündig: das OHG, eine reine Knabenschule. Der Umgangston erheblich rauer als in Borken. Die Mädels hatten halt doch einen mäßigenden Einfluss auf uns.

Dann die Klassengröße! Wenn heute einige jammern, dass ihre sonderbegabte Brut nicht genügend gefördert würde: meine Klasse hatte 46 Schüler! Ich war der Siebenundvierzigste. In Borken waren wir etwas über zwanzig …

»A heartwarming welcome«

Mein erster Schultag begann mit einem Schockerlebnis: ein Männlein von Nibelungenwuchs stürmte ins Klassenzimmer. Die Tür knallte, dass der Kitt aus den Fenstern fiel. Seine Aktentasche wurde wütend auf das Lehrerpult geworfen. Ihr folgte ein Stapel Klassenarbeitshefte, die den Tisch fluteten und von dort zu Boden tropften.

In der ersten Reihe wagte es niemand, sie aufzuheben.

Was dann einsetzte, ist mit „Urgewalt“ nur unzureichend zu beschreiben. Werner Radermacher tobte durch den Klassenraum. Der Klassendurchschnitt der Englischarbeit war für die Tonne! Jeder versuchte, hinter dem Vordermann Deckung zu nehmen und so dem sicheren Untergang zu entgehen. Im Nachhinein eine Ertüchtigung für unseren späteren Wehrdienst!

Trotz allem mochten wir unseren Radermacher. Hatte das Gewitter sich verzogen, kam seine heitere Seite zum Vorschein. Mit ihm konnte man Spaß haben und machen. Über ihn und andere Lehrer habe ich ja bereits in einem anderen Kapitel geschrieben.

»Eines langen Tages Reise in die Feldmark«

Wenn ich wieder in Wesel am Bahnhof eintrudelte – manchmal war es wegen des Nachmittagsunterrichts schon später –, kam es aufs Wetter an: War es sonnig, gab es zwei Möglichkeiten: Busfahren oder Eis von Lohschelder.

Eine Busfahrt kostete 80 Pfennige. Die bekam ich morgens von meinem Vater. Abgezählt. Nicht mehr, nicht weniger. Eine Kugel Eis kostete zwei Groschen.

Wir baten damals nicht um zehn Pfenige – wir sagten: „Krieg ich ’n Groschen?“ Zehn Groschen waren ein Taler, also eine Mark. Eine Busfahrt kostete acht Groschen oder – in der Währung heißer Tage gesprochen – eine Waffel Eis mit vier Kugeln! Becher ging nicht, wegen der Schultasche.

»Eis geht immer«

Jetzt mal nebenbei, off topic: So ein Eis würde heute in manchen Orten um die 10 Euro kosten. Das sind in harter Währung, also in echtem Geld, beinahe 20 Mark. Wer meint, dass ich überzeichne, so könne man das nicht sehen – hier ein aktuelles Beispiel: Vor fünf Jahren habe ich in einer Druckerei Visitenkarten bestellt, für 27 Euro. Vor einigen Tagen habe ich genau die gleichen nachbestellt: 84 Euro! Für alle, die in der Schule nicht (so wie wir) fürs Leben gelernt haben: Das ist ein Preisanstieg von über 300 Prozent. Dies zum Thema Geldentwertung.

»Die echten Leiden des jungen Werther«

Aber wir waren ja noch bei der Frage „Eis oder Bus“. Die 80 Pfennige brannten in der Tasche. Am Bahnhofsvorplatz kein Bus. War der schon weg oder nur unpünktlich? Der nächste kam erst in einer Stunde. Man wartete fünf Minuten, dann war die Entscheidung gefallen.

Ich holte mir also das ersehnte Eis und tippelte los in die Feldmark. Das waren knapp vier Kilometer. Nach wenigen hundert Metern war das Eis aufgeschleckt. Und hatte man dann, quasi als Trosthappen, wehmütig das Hörnchen weggeknuspert, stellte sich alsbald quälender Durst ein.

Ich schwitzte und die Zunge klebte mir am Gaumen. Nichts zu trinken, es war heiß und der größte Teil des Weges noch vor mir. Manchmal holte mich dann noch der verspätete Bus ein. Verzockt – Unpünktlichkeit ist eben keine Erfindung der Neuzeit!

Das Gefährt rauschte mitleidlos vorbei. Mir fielen die Worte meines Vaters ein, die nun einen anderen Sinn bekamen:

„Eis geht immer!“ – mit der Betonung auf ‚gehen“.

Beim nächsten Mal, schwor ich mir, wäre ich klüger!

Nur ein frommer Vorsatz, der Mensch ist vergesslich, aber leidensfähig. Sieht man alle Jahre wieder – bei Wahlen …

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