Vergänglichkeit. –
Das Unwiederbringliche ist es, was Momente einzig macht.
(Der Autor)
In jungen Jahren wollte ich Jagdflieger werden.
So wie mein alter Herr.
Ein Sportunfall kam dazwischen.
Mit 40 habe ich meinen Traum wahr gemacht.
Endlich.
Ich hatte es mir versprochen.
Nicht in einem Jet, aber in einem Flieger, der genauso schnittig gebaut war:
einem einsitzigen Segelflieger.
Segelflugwetter!
Du sitzt fest, sehr fest angeschnallt in deinem Segler.
Es ist eng wie in einem Kampfjet.
Auf deinem Rücken klebt der Fallschirm.
Für den Notfall – wer’s glaubt!
Wenn der eintreten sollte, kommst du vermutlich gar nicht raus aus der engen Kiste. Schon wegen der geringen Höhe beim Ausstieg.
Leider hat dein Vogel keinen Schleudersitz.
Zudem ist der Schirm auch noch kleiner als ein normaler – der soll Leben retten, nicht Knochen. Viel Spaß bei der Landung!
Denk lieber nicht darüber nach, was alles schiefgehen könnte. Konzentrier dich auf das Hier und Jetzt. Du hast deine Kiste durchgecheckt. Seitenruder, Querruder, Höhenruder, Seil, Batterie, Variometer, Funk. Alles okay.
Der Start erfolgt nicht per Winde, sondern im F-Schlepp. Das heißt, der Sportflieger vor dir zieht dich hoch, im Flugzeugschlepp. Winde geht schneller, da bist du in wenigen Sekunden auf 80 km/h. Hat ein bisschen was von einem Katapultstart auf einem Flugzeugträger. Ein dolles Gefühl in der Magengegend. Man fühlt sich ein bisschen wie „Maverick“ in Top Gun.
F-Schlepp ist gemütlicher, aber anspruchsvoller. Du musst exakt dem Schleppflugzeug folgen. Ziehst du dem Vogel vor dir den Schwanz hoch oder runter, schmiert ihr eventuell beide ab. Seid ihr bei dem Stunt zu niedrig und habt dabei zu wenig Speed, ist Ende Gelände. In dem Fall klinkt der Kamerad da vorne dich einfach aus – sieh zu, wie du alleine klarkommst!
Das Wetter ist ideal, die Thermik passt.
Das Seil ist eingehängt, der Starthelfer macht eine letzte Zugprobe.
Alles okay. Der Schlepper gibt dir per Funk Bescheid und wackelt mit der Schwanzflosse.
Das ist das Zeichen. Startfreigabe!
Das Schleppflugzeug rollt vorsichtig an.
„Seil straff“, bestätigst du per Funk.
Jetzt gibt er Gas.
Der Helfer, der die linke Tragfläche hält, läuft noch einige Schritte mit und bleibt zurück.
Da hebst du auch schon ab, noch vor der viel schwereren Zugmaschine.
Sanft ziehst du am Steuerknüppel – nicht zu stark, sonst hebst du den Schwanz des Vogels vor dir hoch und ihr bohrt euch in den Boden.
Fast behäbig hebt der Flieger vor dir endlich ab und schraubt euch in einer sanften Rechtskurve auf 2000 Meter. Oben wackelt er wieder mit seinen Tragflächen.
Das ist dein Zeichen: du ziehst am Hebel und klinkst dich aus. Über Funk bestätigst du das dem Schlepper und bedankst dich. Dein Zugpferd dreht nach rechts ab, um über dem Platz das Schleppseil abzuwerfen.
Jetzt bist du frei.
Und allein.
Das Gefühl des ersten Alleinflugs lässt sich kaum beschreiben. Am ehesten ist es wohl vergleichbar mit der Fahrt in einem Auto, wenn zum ersten Mal keiner neben dir sitzt, der auf die Bremse treten kann.
Ich kann mich heute noch an das Gefühl der Fassungslosigkeit erinnern: Ich fliege! Alleine! Es gibt keinen mehr, der dir jetzt noch helfen kann! Du musst allein klarkommen, bist auf dich gestellt, musst das Gelernte umsetzen. Dafür brauchst Mut, Entschlossenheit und eine Portion Wagemut, fein dosiert.
Deine rechte Hand beginnt zu schmerzen. Erst jetzt bemerkst du, dass du sie die ganze Zeit um den Steuerknüppel gekrampft hast. Wie ein Schraubstock umklammert sie den Stick. Dein ganzer Körper ist steif, wie eingefroren.
„Entspann dich,“ hörst du eine vertraute Stimme, „halt den Knüppel ganz locker zwischen zwei Fingern. Du musst die Kiste spüren können.“
Du musst dich geradezu zwingen, zu entspannen und den Griff zu lösen.
Inzwischen schießen die Endorphine ins Blut. Du fühlst ein übergroßes Glücksgefühl. Du könntest jubeln, so wie in deinen Fußballtagen, wenn du ein Tor erzielt hattest!
Jetzt bloß nur nicht übermütig werden!
Instinktiv pegelst du deinen Rausch wieder runter, hier oben brauchst du einen klaren Kopf! Schließlich hast du eine große Verantwortung: für das Flugzeug, für andere Flieger, für dich, deine Familie und die Welt da unten.
Jetzt wird dir auch zum ersten Mal bewusst, dass du dich noch gar nicht richtig umgesehen hast.
Wo bist du, wo ist der Platz? Ist der Luftraum um dich herum frei?
Es wirkt fast unwirklich, wie klein und zerbrechlich die Welt von hier oben aussieht. Das normale Leben liegt unter dir, unendlich weit weg.
Fang nicht an zu träumen – wie sieht’s um dich herum aus, ist der Luftraum klar?
Alles gut, du scheinst den Himmel exklusiv zu haben.
Der kleine Wollfaden, in 12-Uhr-Position am Plexiglas befestigt, verrät dir, dass du nach links „schiebst“. Unwillkürlich erinnerst du dich daran, dass dein Fluglehrer dich ermahnt hat, „sauber“ zu fliegen – und du slipst wieder mal.
Ein kurzer Tritt ins rechte Seitenruder rückt den Faden in die Senkrechte. Dein Flieger liegt jetzt sauber im Wind.
Was sagt eigentlich das Variometer – steigst du oder säufst du ab? Wo ist ein Bart, der dir Auftrieb geben kann?
Keine Wolke am Himmel, die dir das verraten könnte. Auch sind keine anderen Flieger zu sehen, an denen du dich orientieren könntest.
Da, du verspürst einen kleinen Tritt in den Hintern. Der anschwellende Ton des Variometers bestätigt dir, was deine Gesäßnerven dir schon verraten haben: du hast eine Thermikblase gefunden. Du trittst rechtes Seitenruder, ziehst ein wenig am Knüppel und drehst nach rechts in den Bart. Allmählich kurbelst du dich hoch. Im Aufwind gewinnst du gut Höhe.
Dir fällt dein alter Herr ein, seine Geschichten von seiner Zeit als Flieger – „Junge, fliegen musst du mit dem Hintern. Wenn du kein Gespür für die Kiste hast, lass es bleiben. Sowas kann man nicht lernen. Entweder du hast es oder nicht.“ –
Plötzlich dämmert es dir – eigentlich bist du wegen ihm hier oben. Du wolltest spüren, was er spürte, wolltest das erleben, was er erlebt hat – und ihm dadurch nah sein. Die Welt einmal mit seinen Augen sehen.
Deswegen bist du also gesegelt, gerudert, hast Bergsteigen gelernt (ein wenig), bist Wildwasser gefahren im Kajak, hast hoch motiviert gegen ihn Tischtennis gespielt, dich im Schach gegen ihn versucht – und meistens verloren. Hergeschenkt hat der Alte Siege nie, die musste man sich hart erarbeiten …
„Junge“, hörst du ihn mahnen, „hör auf zu träumen – konzentriere dich aufs Fliegen!“
Ein großer Raubvogel kreist über dir. Der Größe nach ein Bussard.
Dir kommt er groß und bedrohlich vor wie ein Adler. Plötzlich legt er die Flügel an und stößt nach unten. Er verfehlt dein Kanzeldach nur um Haaresbreite.
Entweder ist der Kumpel bescheuert oder ein Fliegerass. Auf jeden Fall ist er im Fliegen geübter als du. Nachdem er die Nummer noch zwei weitere Male abzieht, drehst du ab. Dir langt’s, du hast auch so schon genug Aufregung. Der Klügere gibt nach.
Außerdem wird es allmählich ungemütlich warm unter der Plexikglashaube. Durch das kleine Seitenfenster strömt nur wenig kühlende Luft.
Fürs erste Mal reicht dir der Spaß. Im Augenblick willst du nur noch deinen Vogel heil zurückbringen.
Verdammt, wo ist der Platz? Bloß nicht verfranzen, besonders nicht bei deinem Erstflug! Wie hoch bist du eigentlich? Höhe ist Leben, vor allem beim Segelfliegen. Und Geschwindigkeit. Das weißt du noch von deinem alten Herrn.
Ein kleiner Anflug von Panik packt dich.
„Keine Angst, min Jung“, meldet sich wieder die vertraute Stimme, „es ist noch keiner oben geblieben.“ Du musst tatsächlich kurz auflachen. Stimmt, denkst du – runter kommen sie alle! Und dein Segler ist sogar tauglich für eine Landung auf freiem Feld! Was soll sein, im schlimmsten Fall kostet es dich ’n Kasten Bier.
Da links, auf 9 Uhr ist die Piste, querab von deinem Kurs. Ist weiter weg, als du dachtest. Reicht dir die Höhe bis dorthin? Ein Blick auf die Instrumententafel beruhigt dich. Langt lässig.
Ohne Eile baust du Höhe ab. Aber nicht zu viel Höhe, durchstarten ist nicht! Segelflieger haben nur einen Versuch.
Jetzt in den Gegenanflug entlang der Piste. Der Platz liegt rechts von dir. Dein Kommen hast du vorher per Funk angekündigt und die Freigabe erhalten.
Queranflug, dann nach rechts eindrehen in den Landeanflug.
Schön gerade halten, den Vogel.
Raus mit dem Fahrwerk. Hattest du dir extra eingebläut, viele vergessen das beim ersten Mal. Aber nicht du!
Alles klappt bestens. Noch zehn Höhenmeter bis zum Touchdown. Irgendwie kommst du zu schnell rein, aber wieso? Der Lautsprecher quäkt: „Luftbremse raus!“ – Mist, die hattest du vergessen. Wie peinlich! Du ziehst den Hebel, die Störklappen fahren aus den Tragflächen. Sofort verringert deren Luftwiderstand die Geschwindigkeit. Na bitte, geht doch!
Geschmeidig setzt du auf, gaaanz sanft. Keine boing-boing-boing Montag-Dienstag-Mittwoch-Donnerstag-Landung! Im Touristenbomber würde jetzt Beifall aufbranden. Holpernd rollt die gute „Ka 6“ auf der Grasnarbe aus, dann kippt sie gemächlich auf ihre linke Tragfläche. Du öffnest das Kabinendach und schnaufst tief durch. Dabei hast du das Gefühl, es wäre dein erster Atemzug seit dem Start.
Eine erschöpfte Erleichterung durchfließt deinen Körper. Aha, da wird wohl gerade jede Menge Adrenalin abgebaut. Gleich darauf aber schießt ein Hochgefühl ein. Und ein übermächtiges Bedürfnis:
Ich will wieder da hoch!
P.S. Ich stelle mir vor, die Geschichte wäre der Stoff für einen Film – wie würde er enden?
Vielleicht so:
Der alte Mann schaut wieder hinauf zum Himmel. Eben hat er seine Geschichte beendet.
Oben zieht ein Raubvogel seine Kreise, man hört sein missmutiges Kreischen.
Das kleine Mädchen neben ihm greift nach seiner Hand.
„Opa, hattest du Angst, als du ganz allein da oben warst?“
Der alte Mann schaut eine Weile in den Himmel und überlegt.
„Beim Fliegen nicht“, sagt er schließlich.
„Angst bekam ich erst unten am Boden. Als mir klar wurde, dass ich wieder da hoch will.“
Beide schweigen eine Weile.
Das Mädchen denkt nach. Dann bricht seine junge Stimme das Schweigen:
„Ob ich auch mal so mutig sein kann?“, fragt sie zweifelnd.
Der alte Mann lächelt.
„Ganz bestimmt, mein Schatz. Wenn deine Träume groß genug sind, ganz bestimmt.“
