Junge Herzen

Herz / Schmerz

Alle mal weglesen! Das ist jetzt für meine Tochter! Streng persönlich und vertraulich!

»Wie war das, Papa – wann warst du so richtig verliebt?«, will Tochter wissen.

Tja, … also das erste Mal war ich sechs. Sie war etwas älter als ich und hieß Frollein – Frollein (Fräulein) Seuthe. Sie war meine Klassenlehrerin in der Ersten. Es klingt uncharmant, aber ich kann mich nur noch an ihren Namen erinnern. Kein Gesicht, kein Duft, nichts – einfach alles weg. Ich weiß nicht mal, was sie anhatte. Also nicht, dass sie nichts angehabt hätte, bewahre! Ich kann mich halt nur nicht an ihre Kleidung erinnern. Aber hübsch war sie wohl. Und blond. Glaube ich. Muss wohl, ich mochte damals blonde Frauen. Nicht nur wegen der Marilyn, also der Monroe. Nach einem halben Jahr, es muss 1963 gewesen sein, zogen wir weg. Von Friedrichsfeld nach Borken, von Niederrhein und Lippe an die Aa. Dort wartete das nächste Frollein: Fräulein Brundert war deutlich älter und nicht mein Typ. Ein wenig herb und etwas dröge. Und brünett. Wie gesagt, ich stand auf blond. Damals. Und jüngere Jahrgänge. Damals.

Borken war eine amouröse Durststrecke. Nichts zum Verlieben. Die Stadt liegt in Westfalen. Die Frauen auch. Ob’s daran lag? Vermutlich war ich schon damals sehr wählerisch. Letztlich waren es, was die Minne betraf, fünf Dürrejahre. 1968 ging’s zurück an den Niederrhein, nach Wesel – eine größere Kleinstadt bei Friedrichsfeld. Die Dürre hielt an. Fräulein Seuthe hatte sich zwischenzeitlich mit einem Lehrerkollegen getröstet. Konnte wohl nicht auf mich warten. Also weiterhin Niedrigwasser an der Kuss-Lippe. Für mich. Bis ich auf dem Weg in die Schule im Zug ein wunderschönes Mädchen sah. Sie hieß Ina Breimann, stieg in Friedrichsfeld zu und fuhr eine ganze Station mit bis nach Voerde. Ich sah sie an, sie sah mich an und es war um mich geschehen!

Der Strahl ihrer blauen Augen ging durch mich hindurch wie ein Laserschwert durch Butter und versengte mein junges Herz. Mir wurde ordentlich heiß! Ich starrte, Ina lächelte. Ich schloss die Augen. Meine lässig-pubertäre Coolness zerfloss zu einem idiotisch grinsenden Gesichtsbrei, dessen animalische Anziehungskraft ich durch einen brünftigen Seufzer noch zu steigern wusste. Stell dir einfach das blitzverliebte Karnickel aus Disneys »Bambi« vor – so in etwa war meine Reaktion. Von da an stand ich jedes Mal hoffend am Abteilfenster und spähte nach ihr aus. Zumindest, wenn ich nicht gerade Hausarbeiten von einem Schulkameraden »abpinnte«. Sobald ich Ina ausmachen konnte, schätzte ich ab, wo sie wohl in den Zug einsteigen würde und flitzte zu einem geeigneten Beobachtungsplatz.

Jahrelang himmelte ich sie so an. In meinen Träumen waren wir zusammen und ich happy. Fantasie ersetzt bei vielen Jünglingen die Realität. Mehr als imaginäre Knutschfleckorgien waren leider nicht drin. Sie anzusprechen traute ich mich jedenfalls nicht, Ina war einfach zu schön. Wie es so geht, später hat sie irgendein Typ abgeschleppt, der weniger Hemmungen hatte. Sind wir mal ehrlich – so läuft es eigentlich jedesmal: Man sieht ein Mädchen, verguckt sich, schaut sie an, schaut sich selbst an und denkt: »Das kannst du voll vergessen! Bei der hast du keine Chance, da hilft kein Clearasil!«. Meistens findet sich auch noch ein pickelgesichtiger Leidensgenosse, der von sich genauso denkt und der dich in deinen Selbstzweifeln gern bestärkt: »Nee, das kannste voll vergessen. Bei der haste echt keine Schangse!«. Immer schön nach dem Motto »Krieg’ ich die nicht, kriegst du die auch nicht!«. Irgendwann kommt dann einer, der vor lauter eingesammelten »Körben« ein Weidengeflechtgeschäft aufmachen könnte und der sich um eine weitere Abfuhr nix mehr scheißt. Der fragt dann deine Angebetete, die seit Ewigkeiten darauf gewartet hat, dass irgendeiner sie endlich mal anspricht – und dann sagt sie »Ja«! Hauptsache, die elendige Warterei hat ein Ende! Wie dämlich kann man als Jüngling sein! »While you see a chance, take it!«, sang Jahre später Steve Winwood, Leadsänger der »Spencer Davis Group« (Gimme Some Lovin’). Hätt’ er das mal 1970 getan! Egal, vertan ist vertan – »Aus is’ und gar is’ und schad is’, dass wahr is’«, sagt man in Bayern. Auf jeden Fall fiel der Brunnen erstmal trocken.

Tja, liebe Tochter, so kam es, dass dein Vater sich aufgespart hat. Für die Richtige, the one and only: deine Mutter! Die habe ich dann sofort angesprochen. 1993 war’s. Endlich! Nach Jahrzehnten der Suche und Enthaltsamkeit. Auch der dämlichste Jüngling wird irgenwann mal klug*. Das Warten hatte sich gelohnt. Und sie lebten glücklich und zufrieden alle Tage. Meistens.

* Es gab übrigens nie eine Andere – man(n) weiß ja nie, wer alles mitliest … 💋


Unser Fräulein Brundert – von allen gemocht und geschätzt! Das Bild (KI bearbeitet) stammt aus einem Klassenfoto der Martin-Luther-Volksschule in Borken

»Fräulein« Brundert (orig./ai)

 

 

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