Mit dem Transistor am Ohr

»Vadders Transistor«

»Das könnt ihr euch nicht mal ansatzweise vorstellen!« – Diesen (zugegeben überheblichen) Spruch genieße ich, wenn ich jungen Menschen von meiner Jugend erzähle. Sonst bleibt uns ja auch nichts, mit dem wir noch gleichziehen könnten. Im Sport und auch sonst machen wir denen nix mehr vor. Bei der Bedienung von Handys erklärt man uns nichts mehr, man reißt sie uns mit nach hinten rollenden Augen aus den Händen – »Gib schon her, Alda! Du checkst das nicht!« – und tippt blitzschnell und beiddäumig was ein. Pff, die Arthrose lauert schon auf euch!

Dafür haben wir Dinge erlebt, die (nicht nur für uns) unbezahlbar sind: Wir kannten Nationalspieler noch aus der Eckkneipe und unsere Schlagerstars hießen noch nicht alle »feat.«! Wir hatten jede Menge Freunde und unglaublich viel Spaß! Auch, weil vieles verboten war! Es gab schon damals nichts Aufregenderes, als Verbote zu übertreten. Weil das Erwischtwerden unweigerlich Folgen nach sich zog! Mit der Taschenlampe unter der Bettdecke zu lesen zum Beispiel oder nach dem »Licht aus!« gar mit Vadders Japan-Transistor (damals schon mit einem Mono-In-Ear!) unter dem niederrheinischen Kopfkissen heimlich »Radio Veronica« zu hören! Egal, wie man zu den Holländern stand, aber ihre Offshore-Radiosender spielten die geilste Mucke! Unsere amtlichen Sender (Privatsender gab’s noch lange nicht) waren die Domänen von Roy Black und Heintje. Wenn ich heute an das (ganz in weiße) »Mama«-Geplärre zurückdenke, weiß ich erst richtig einzuordnen, welch unglaublich große Toleranzleistung uns damals abverlangt wurde!

Gott sei’s gedankt gab es »Radio Veronica«, »Radio Caroline« und andere! Da lagen doch tatsächlich ausrangierte und umfunktionierte Heringslogger und Minensuchboote außerhalb der Dreimeilenzone vor den Küsten von England, Holland und anderen Anrainerstaaten vor Anker und sendeten als Piratensender (sehr zum Missvergnügen von BBC und anderen Funkanstalten) eigene Programme auf dem Mittelwellenband: »Twee nul acht, volle kracht – 208 (MHz), volles Rohr!«, pries ein Sender seine Frequenz an. Wir liebten diese Jingles. Was ein Jingle ist? Wie erklärt man das? Ein Jingle ist ein Audio-Schnipsel, wenige Sekunden lang, und wenn wir auch das Reingequatsche in unsere Tonbandmitschnitte bis hin zum Touretteanfall hassten, Jingles waren Kult und störten nie! Im Gegenteil, sie werteten jeden Mitschnitt auf. Zumindest die Guten:

Während also »Mister Tagesschau« Vadder die Welt erklärte und Muttern fand, dass Karl-Heinz Köpckes Krawatte mal wieder nicht zu seinem Anzug passte, lauschten wir den verbotenen Tönen aus dem Äther, die wetterbedingte Überreichweiten uns gnädig bescherten. Verboten auch, weil man so den sauteuren 9-Volt-Block leer machte und unser Alter Herr beim nächsten Samstags-Fußball im Freibad statt Kurt Brumme ins Leere lauschte. Uns war’s wumpe, Lex Harding war’s allemal wert! Wenn ich heute ab und an mal wieder im Auto radiohöre (Lieber Loriot, früher war nicht nur mehr Lametta, es war auch mehr »Hörfunk«!), dann wundere ich mich, wie manch uninspirierte Schlaftabletten es ans Mikro geschafft haben. Wie ist das möglich? Als hätte es nie die Fährtenleger der Sechziger, Siebziger und Achtziger gegeben! Komme mir jetzt keiner mit den eindimensionalen Dilletanten der Neunziger (VIVA et aliter) – Kunst kommt von können, wenn es von wollen käme, hieße es Wunst! Hat denn keine/r mehr den richtigen Drive? Keine DJs mehr, nur noch Moderatoren! Da steckt die Langeweile schon in der Stellenbeschreibung: moderat = mäßigend! Derart mäßig unterhaltend sind die dann auch. Da waren zu meiner Zeit andere Kaliber am Werk:

Wo gibt es heute noch sowas? Unsere Funkwellen-Freibeuter waren anarchisch und ließen überkommene Konventionen »über die Planke gehen«. »Boah!«, staunten wir. Das Wort »Hip« gab es noch nicht, das Gefühl schon. Inzwischen haben wir zwar TV- oder Radiosendungen, in denen mindestens einmal ein unflätiges Wort benutzt wird (meine Mutter drohte in solchen Fällen, uns den Mund mit Seife auszuwaschen), aber von dem Spaß, den wir einst hatten, verspüre ich in der Jetztzeit nichts, gar nichts!

Ich habe das Gefühl, wir »Alten« werden wohl doch noch länger gebraucht. Gut, solche Sol-Eier wie Scholz & Co. eher nicht, aber uns Altgedienten sollten die Jungen vielleicht zuhören – und manch Vergessenes wiederbeleben …

Tipp: Unseren damaligen Zeitgeist und das richtige Feeling vermittelt dieser Film: »Radio Rock Revolution – The Boat That Rocked (2009)«


Background-Info:
Radio Veronica (später Hilversum 3) war ein bekannter niederländischer Piratensender, der von 1960 bis 1974 in der Nordsee aktiv war. Ziel der »Piraten« war es, neben der Erstveröffentlichung von Platten etablierter Rock&Pop-Größen auch unbekannte und neue Bands zu fördern, die keine Verträge von den großen Plattenlabels erhielten oder mit diesen eingehen wollten. Drei Labels kontrollierten de facto, was auf dem Festland im Radio gespielt wurde: Ohne Plattenvertrag keine Radiopräsenz und damit kein kommerzieller Erfolg.

Um die Hörerschaft (eigentlich waren es schon eher Fans) auf interessante und aufstrebende Künstler oder auf Hits aufmerksam zu machen, schuf Radio Veronica zwei Prädikate: Die »Troetelschijf« und die »Alarmschijf«.

Schijf ist niederländische Ausdruck für Schallplatte (Scheibe), »Troetel« die liebevolle Bezeichnung für etwas. »Troetelschijf« lässt sich bestens mit »Lieblingsplatte« oder »Knuddelscheibe« übersetzen und Alarmschijf ist eigentlich selbsterklärend. Die “Alarmschijf” war wie die “Troetelschijf” ein weiterer Begriff für die “Tipp-Single der Woche”. Beides waren Empfehlungen für eine Single oder einen Song und wurden jede Woche ausgewählt und den Hörern vorgestellt. Die Aktion trug dazu bei, die Popularität neuer Songs zu steigern und das Musikprogramm von Radio Veronica dynamisch und auf dem neuesten Stand zu halten.

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