Streiflicht – KISS-Nächte

Düfte und Bilder

Von der Sache mit dem Ausschlafen und wilden KISS-Nächten

Zweierlei Maß –
It’s A Man’s World  (James Brown) 

Erinnerungen treffen mich oft unvermittelt.
Aus einer Situation, durch einen Geruch …
Ich nenne sie „Streiflichter des Lebens“ – sie leuchten kurz auf und verblassen wieder.

Wir sind gerade in Italien.

Der erste Kaffee des Tages schmeckt einfach herrlich. Macht die Urlaubsstimmung. Selbst die dünnste Plörre „mundet“ im Urlaub besser.

Es ist später Vormittag und ich merke gegenüber der nachsichtigsten aller Mütter an, dass ihre (unsere) Tochter auch hier bis spät in den Tag hinein schläft.

Sofort fällt das Muttertier über mich her: »Bei dir war das natürlich ganz anders …«, spöttelt sie –

Tja, wie war das – damals?

Samstagabend war der Ausgeh-Abend. Der Freitagabend auch, aber nicht so lange – Samstag war damals noch ein Schultag.

Sonntags konnte man ausschlafen. Ich zumindest. Meine älteren Brüder nicht, zu ihrer Zeit musste man sonntagmorgens noch in die Kirche. Ich, wie gesagt, nicht. Helmut Kohl sprach später von der »Gnade der späten Geburt«. War anders gemeint, aber hier passt der Spruch auch. Ich ging erst schlafen, wenn die Vögel zwitscherten.

Wo ich bloß die ganze Nacht gewesen sei, echauffiert sich meine Mutter.

Na, in der Disco, gebe ich trocken zurück.

Seltsam, ich kann mich nicht mal mehr an den Namen des Clubs erinnern, dabei war das mal meine Welt.

Halt, doch – das KISS war schließlich mal so was wie mein Zweitwohnsitz. Es war auch keine Disco, sondern ein Club: der Weseler Szene-Laden! Rein kam nur, wer das Wohlwollen des Chefs fand. Man klingelte, eine Klappe in der Tür öffnete sich und »der Dicke« musterte dich. Wen er nicht kannte, nicht mochte, der blieb draußen. Mich kannte er, mich mochte er. Ich war »Junior« – DER Junior! Den Namen hatte er mir am ersten Abend verpasst, er ist mir geblieben.

Was ich dort mache, im KISS, will die interessierte Mutter wissen.

Na, Musik hören, mich mit interessanten Leuten unterhalten, Mädels kennenlernen.

Die ganze Nacht?

Nö, der Laden mache um eins dicht.

Aber ich sei doch erst um 6 nach Hause. Präzise um zehn nach sechs.

Stimmt!

Ich bleibe einsilbig. Lasse mich nicht aus der Reserve locken.

Was ich zwischen ein und sechs Uhr anstellen würde?

Na ja, man habe im KISS ein Mädchen kennengelernt.

Ob das Mädchen auch so lange ausgehen dürfe?

Hätte ich nicht gefragt, gebe ich vage zurück.

Also zu ihrer Zeit hätte es so etwas nicht gegeben, entrüstet sich die Mama.

Kunststück, wende ich ein, da war ja auch Krieg.

Aber jetzt sei keiner, kontert sie, und wenn ich ein Mädchen wäre, dürfte ich mich trotzdem nicht die ganze Nacht herumtreiben.

Da hätte ich nochmal Glück gehabt, meldet sich jetzt mein alter Herr zu Wort. Eigentlich hättest du ja ein Mädchen werden sollen, erinnert er sich. Hätte nur leider nicht geklappt.

Gottseidank, denke ich erleichtert.

Aber Mutters Neugier ist noch nicht satt.

Was ich nach dem KISS gemacht hätte?

Spazierengefahren, an den Auesee.

Alleine?

Nein, in Begleitung.

In Begleitung?

Richtig!

Mit dem Mädchen?

Richtig.

Dem aus dem KISS …

Klingt mehr nach einer Feststellung als nach einer Frage.

Genau!

Ich vermeide ein weiteres „Richtig“. Man will ja nicht unnötig provozieren. Außerdem tun Variationen einem Dialog gut. Liest sich später sicher auch besser.

Was wir bis um sechs da gemacht hätten?

Gebadet.

Bis um sechs?

Nein, nicht bis um sechs.

Bis wann wir gebadet hätten?

Bis um zwei.

Bis um zwei?

Bis um zwei!

Ich hätte doch gar kein Badezeug dabei gehabt.

Man könne auch ohne Badezeug ins Wasser.

Aha. Ohne Badezeug. So richtig warm sei das Wasser ja noch nicht. In der Nacht.

Mit Badehose wär’s auch nicht wärmer gewesen.

Meine Antworten werden ungeduldig, frecher.

Ich solle nicht so patzig sein, beschwert sich meine Mutter dann auch umgehend. Sie sei schließlich nur besorgt um meine Gesundheit.

Ja ja, wisse ich schon, sorry, war nicht so gemeint.

Meine Mutter ist noch nicht zufrieden.

Und nach dem Baden? Wie wir uns abgetrocknet hätten, ohne Handtücher?

Wir hätten uns gegenseitig trockengeleckt. (Geht’s noch?)

Mein Vater grinst sich eins.

Mutter nicht – ich solle nicht so frech sein, weist sie mich zurecht!

Nachdem wir trocken waren, was wir dann gemacht hätten?

Rumgefahren.

Rumgefahren, aha – wohin?

Einfach so. Durch die Gegend.

Einfach so, aha. Ich hätte wohl zuviel Geld. Wie lange man sinnlos rumgefahren sei?

Ne knappe halbe Stunde.

Und dann?

Das Mädchen wollte nach Hause.

Nach Hause, aha – warum?

Im Käfer sei es dem Mädchen zu unbequem gewesen …

Dem Mädchen zu unbequem, aha – wofür?

Mein Goodwill ist inzwischen parterre. Wag ich’s oder lass ich’s besser sein?

Natürlich kann ich es nicht lassen. Die Worte platzen aus mir heraus, einfach so.

»Zum vö…!« –

Meine Mutter wechselt die Farbe.

Ich ducke mich noch, aber zu spät. Meine Mutter ist verdammt schnell! Ihr Klaps erwischt mich am Hinterkopf. Hatte ich provoziert, hatte ich mit gerechnet.

Mein alter Herr versprüht vor Vergnügen seinen Morgentee über den Küchentisch. Grinsend gibt er mir einen Klaps auf die Schultern.

»Mein Sohn!«, bemerkt er – nicht ohne väterlichen Stolz.

Später wird er dafür büßen müssen.

Ich kenne meine Mama.

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