Streiflicht – Die Leseprämie

Erinnerungen treffen mich oft unvermittelt. Aus einer Situation, durch einen Geruch …
Ich nenne sie „Streiflichter des Lebens“ – sie leuchten kurz auf und verblassen wieder.

Streiflicht – die Sache mit der Leseprämie
(Das Leben ist ungerecht)

Wann immer mein Blick auf den Tarzan im Regal fällt, erinnere ich mich an diese Geschichte.

Der ganz normale Sonntag begann bei uns im Bett.

Das heißt im Bett meiner Eltern.

Noch genauer: unter der Bettdecke bei meinem Vater.

Ich kuschelte mich an ihn und genoss die wohlige Wärme und das sichere Gefühl totaler Geborgenheit. Wie ein Bärenkind in der Höhle.

Mein Vater war ein begeisterter Leser. Man könnte ihn als bibliophil bezeichnen, aber das würde seine Leidenschaft aufs Bücherlesen reduzieren. Er las einfach alles – er liebte es, zu lesen. Ich glaube, im Notfall hätte er auch ein Telefonbuch gelesen.

Sonntagmorgens war es die Sonntagszeitung. Die wurde damals noch von einem echten Botenjungen gebracht! In Friedrichfeld war es die NRZ, die „Neue Ruhr-/Neue Rhein-Zeitung“.

Ich wollte es ihm gleichtun.

Klar, Vatersöhne machen ihrem Vorbild alles nach. Muttersöhnchen ticken da anders.

Während mein Vater sich den Texten widmete, hatten es mir die Bilder angetan. Ganz besonders die auf der Witzeseite. Damals gab es noch nicht „Hägar der Schreckliche“. Meine Comicfiguren hießen „Blondie & Bumskopp“. (Der Titel käme heute so wohl auch nicht mehr durchs Lektorat.)

Die Worte in den Sprechblasen konnte ich zwar nicht lesen, aber sie regten meine Fantasie an. Was da wohl drinsteht, was die wohl reden? 

Ich betrachtete den Strip und erfand meine eigenen Dialoge. Mit dem Erfolg, dass mein Vater irgendwann mir zuhörte, statt seine Artikel weiterzulesen.

Damals war ich stolz, einen interessierten Zuhörer für meine Interpretationen gefunden zu haben. Heute neige ich eher zu der Annahme, das Geplapper lenkte meinen geduldigen Erzeuger derart ab, dass er den Gedankengängen der Autoren nicht mehr folgen konnte. Aber das ließ er sich nicht anmerken. Im Gegenteil, er ermunterte mich, auch andere Strips zu interpretieren.

Jedenfalls hatte die ganze Übung bei mir ein Feuer entfacht, denn die Neugier auf das geschriebene Wort, die Leselust, hat mich seither nicht mehr verlassen.

Und wenn ich es recht bedenke, waren die Interpretationsversuche meiner Analphabetenphase sicher der Keim für meine Schreiblust.

Ich erfand früh eigene Geschichten.

Mit acht oder neun Jahren ersann ich die »Geschichte vom hochmütigen Zuckerstückchen«. Das lebte mit anderen Artgenossen in einer Zuckerdose. Weil es rundum perfekt war und keine abgestoßenen Kanten und Ecken hatte wie die anderen, war es sehr eingebildet und hochnäsig. Irgendwann fischte ein naschsüchtiges Mädchen unser Zuckerstück aus der Dose. In Panik sprang es so im Mund herum, dass das Mädchen erschrak und es erschrocken in eine Pfütze spuckte. Dort verging es elendig. Das Zuckerstück, nicht das Mädchen. Schluss.

Ein lehrreiches Beispiel dafür, dass Hochmut vor dem Fall in eine Wasserlache kommt. Mit etwas Politur hätte die Geschichte glatt von Hans Christian Andersen stammen können. Ja gut, ein bisschen mehr Politur als etwas. Egal, zurück zur Leselust.

Meinen zwei Brüdern hingegen war jegliche Begeisterung fürs Lesen fremd. Über den Sportteil kamen die beiden nicht hinaus, ganz zu schweigen davon, sie hätten freiwillig ein Buch gelesen.

Irgendwann lobte unser Vater eine Prämie aus: fünf Mark sollte der bekommen, der »Tarzan bei den Menschenaffen« gelesen hatte. Vermutlich hoffte unser alter Herr, sie kämen so über den toten Punkt. Denkste! Fünf Mark waren für uns zwar ein ordentlicher Batzen Geld, doch meine Brüder konnten sich nicht überwinden, den Klassiker zu lesen – so oft sie auch knapp bei Kasse gewesen sein mochten.

Jeden Jungen reizte es wohl, es Jonny Weißmüller gleichzutun: sich ein Handtuch umzuschnallen und notdürftig bekleidet durch die Wohnung zu toben. Funktionierte natürlich nur, wenn man sturmfreie Bude hatte!

Mutters Stores als Liane! Ob die das aushalten würden? Ich hab’s nicht probiert. Dafür wurde mein Teddy kurzerhand zu Cheeta, der Schimpansin. Für die Kennenlernszene mit der attraktiven Gefährtin musste allerdings meine Fantasie reichen: „Ich Tarzan – du Jane!«  Irgendwie sah Jane immer aus wie Marina, die Tochter unserer Nachbarn.

Egal, zurück zum Buch. Ich würde heute noch jede Wette 10:1 abschließen, dass die beiden keine zwanzig Seiten geschafft haben. Natürlich hatte ich das Buch vollständig gelesen, also forderte ich beim Bibliothekar stolz die ausgelobte Prämie ein. Die Sache war eindeutig – für mich!

Doch da hieß es lapidar: »Das Angebot galt nur für deine Brüder. Bei dir würde ich ja arm werden!«

Von wegen ‚gleiches Recht für alle‘ –

Den Heiermann schuldete er mir sein ganzes Leben. Wann immer mein Vater behauptete, seine Söhne stets gleich behandelt zu haben, erinnerte ich ihn an meine offene Tarzan-Prämie.

Und wann immer er mit dem Hinweis »ich kriege noch zehn Pfennige von dir« auf eine offene Schuld hinwies, entgegnete ich: »Und ich kriege noch fünf Mark von dir!«

So viel Gerechtigkeit muss sein!

 

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